Dienstag, 29. November 2011

Koto Bolofo: Vroom! Vroom!


Es müssen hunderte sein, jedes Jahr. Hunderte Bildbände über und mit Automobilen, einer teurer als der andere, aber nicht unbedingt schöner, und mit einem immer sehr ähnlichen, durch Lifestyle-Magazine und Hochglanzprints vorgeprägten Bildstil, der ohne Photoshop gar nicht denkbar wäre. Fotografie als „Kunsthandwerk“ ist hingegen selten geworden. 1926 schrieb der Filmkritiker Béla Balázs: „Jede Einstellung der Kamera bedeutet eine innere Einstellung des Menschen. Jeder Eindruck, im Bilde festgehalten, wird zu einem Ausdruck, ob das beabsichtigt war oder nicht. das braucht nur, bewußt oder intuitiv, gehandhabt zu werden, und die Photographie wird zur Kunst.“

In „Vroom! Vroom!“ von Koto Bolofo ist diese „altbewährte“ Art der analogen, künstlerischen Fotografie zu finden. Motivisch geht es um Handarbeit, um Metall, um Blech, und um die Menschen und Maschinen, die den alten Bugattis in der Werkstatt von Ivan Dutton Ltd. in Buckinghamshire ihre funktionale Form zurückgeben. Vor Bolofos Kamera entblößen die Autos ihre Einzelteile, manche von ihnen wirken regelrecht verfremdet. Und doch hat sie der Fotograf nur zufällig auf der Werkbank oder in den Händen ihrer sie streichelnden Mechaniker entdeckt: Er inszeniert nicht, sondern beobachtet – und erkennt dabei so manches Detail, das dem nüchtern denkenden Restaurator mitunter verborgen bleiben mag. 
Durch das cremefarbene, fast ledern wirkende Papier und das große Format strahlen die schwarz/weiß-Bilder Wärme aus. Das Buch selbst riecht (dem Steidl-Verlag sei Dank!) nach Farbe, Leim und traditionellem Handwerk: Besser, als es jeder Film oder geschliffen formulierte Artikel könnte, ermöglicht es dem Betrachter, die Ästhetik einer technischen Arbeit zu fühlen und zu riechen. So lassen sich auf frisch bearbeiteten Metallteilen verschwommener Provenienz sämtliche Kratzer und Riefen scheinbar einzeln ertasten. Bohren wird zur Zeremonie: wenn der Mechaniker seine Flasche Schneidöl auf ein Werkstück hernieder senkt, fängt Bolofo eine groteske Art statischer Bewegung ein, die sich vor dem geistigen Auge vor- und zurückspulen lässt.
„Like magic, a curve and shape emerge, recorded by my camera. Click! Click! Vroom! Vroom! The photographs take one to a journey of artistic innovation and aspiration.“, schreibt der Südafrikaner in seinem kurzen Vorwort, das übrigens den einzigen Text darstellt. Der Künstler ist ein gutes Beispiel für einen „Fachfremden“, der sich gekonnt an Autos wagt: als Modefotograf arbeitet er unter anderem für die „Vogue“ und die größten der Branche. Die Kunst bei der Modefotografie liege in der Spontaneität, erklärt er in dem unten stehenden Film. „Mein Ziel war, durch die Fotografie eine Art Zeitlosigkeit zu entwickeln, aus der Bilder entstehen, die man aus dem Magazin herausreißen und an die Wand pinnen möchte.“


Mit „Vroom!Vroom!“ hat er das ebenso geschafft. Koto Bolofos Bilder zeigen, dass es nicht mehr als eine innere Einstellung und großes handwerkliches Können braucht, um eindrucksvolle Bilder von klassischem Auto-Handwerk zu machen. In Zeiten, da Photoshop als Erweiterung der Linse gilt, ein echter Lichtblick.

Bild: Steidl Verlag

Koto Bolofo: Vroom! Vroom! Göttingen: Steidl 2010. Hardcover, 96 Seiten, Größe 36,9 x 29,8 x 1,8 cm, ISBN-13: 978-3865219619, Preis 56 €.
Zum Steidl-Verlag
Hier gewährt der Autor Einblick in's Buch!









P.S.: „Vroom! Vroom!“ ist nicht das erste Auto-verbundene Projekt von Koto Bolofo: 2005 erschien „Racing Style: The Goodwood Revival“.




Montag, 14. November 2011

Netz-Fundstück: Urlaub mit dem VW 1958

Verklärende Hymnen über die glorreiche Zeit der 50er Jahre, als man mit Fahrzeugen jeglicher Art die Alpen bezwang, sind bekannt. Unbekannt ist, welcher Mannheimer 1958 ein Fotoalbum mit seinen Urlaubserlebnissen zusammenstellte. Mit dem Käfer ging es über München und Berchtesgaden an den Wörthersee – und den Urlaubern scheint die Tour sichtlich Spaß gemacht zu haben! 


Das Album ist in Big Blue's Online Carburetor zu finden!





Donnerstag, 10. November 2011

Volkswagen-Wanderzirkus: Die Formel Vau

Bei aller Nostalgie vergisst man gerne mal, wie anders die Welt im Jahre 1965 noch aussah. „Warum verfiel man gerade auf die V-Formel mit der veralteten Konstruktion des Volkswagens als Grundlage? Warum nahm man für diese Autos kein modernes Fahrwerk und keinen leistungsfähigen Motor?“, fragte hobby in Heft 10/1965 über den „Rennwagen für Jedermann“.
Im Gegensatz zu heute spielte der Formelrennsport beim deutschen Publikum damals eine untergeordnete Rolle; der Tourenwagensport war populärer und galt für die Hersteller als besonders werbewirksam. Umso sensationeller muss es der hobby- Redaktion erschienen sein, dass es nunmehr einen Volks-Formelwagen geben sollte. 
Die Idee stammte (natürlich) aus den USA, wo Hubert L. Bundage einen Rennwagen auf Basis des VW 1200 realisieren wollte. Ein von Nardi in Italien gebaute Prototyp erwies sich aber als zu lahm, und zu allem Überfluss bedachte ihn das Nordhoff-regierte Volkswagenwerk mit einer unmissverständlichen Abmahnung aufgrund der Zweckentfremdung von VW-Teilen. Erst der in Florida ansässigen Firma Formcar gelang ein renntauglicher VW-Bolide, von dem Huschke von Hanstein sechs Bausätze nach Deutschland holte und von Porsche montieren ließ: Für 10.000 DM würde der Renner durchaus massentauglich sein, stellte er sich vor. Der Bedarf war da, denn Formel 2 und Formel Junior waren bereits so teuer geworden, dass Rennsport-Einsteiger mit geringem Budget keine Chance mehr hatten.
Edgar Barth, Porsche-Werksfahrer, beantwortete die eingangs gestellte Frage jedenfalls mit dem heute gängigen Postulat aller Markenpokale: Eine Nachwuchsformel dürfe gar nicht zu schnell sein, weil nicht das Frisieren der Motoren entscheidend sein solle, sondern das Können der Fahrer.
Sein Kollege Gerhard Mitter sah die Sache indes ganz anders: „Die Dinger sind gewiß schöne Spielzeuge, aber kaum geeignet für den Fahrer-Nachwuchs. Dazu ist ihr Fahrgestell einfach zu primitiv; es gewährleistet nicht das Fahrverhalten eines Rennwagens von heute. Außerdem ist der Motor natürlich viel zu schwach. Damit kann man keinen Powerslide fahren; und mit dem ‚Rennstil‘ dürfte es deshalb auch nicht weit her sein. Ein Gefühl für Grenzwerte bekommt der Nachwuchsfahrer auf den V-Wagen nicht. Und das ist das Wichtigste beim Rennenfahren.“
Bild: Powerslide
Dass Mitter mit seiner hochgeschätzten Meinung enorm daneben lag, zeigt das Powerslide-Magazin in einem sehr gelungenen Sonderheft, das in Zusammenarbeit mit der Historischen Formel Vau Europa e.V. entstanden ist.
Die historische Entwicklung der immer schneller werdenden Formel Vau ist darin ebenso dargestellt wie die Geschichten bedeutender Fahrer. Obwohl sich immer wieder Namen wie Niki Lauda, Pedro Rodriguez, Mario Andretti oder Keke Rosberg finden, blieb nicht jeder Vau-Pilot dem Motorsport treu. Mitunter recht privat sind daher die Einblicke in die Leben der Vau-Champions von einst, und das Heft liest sich stellenweise wie ein nostalgisches Familienalbum. „Vau-Stories“ von Rainer Braun, seinerzeit selbst erfolgreicher Pilot, komplettieren das Heft, das übrigens auch diverse Statistiken und Tabellen aufweist.
Formel Vau 1300 2-Vergaser. Bild: www.formel-vau.eu
Was Huschke von Hanstein anfangs als seinen „VW-Wanderzirkus“ bezeichnete – mit den sechs Formcar-Vau trat er im Rahmenprogramm verschiedener Meisterschaftsläufe auf – gedieh rasant: Schon 1966 wurde der ONS-Pokal für Formel Vau-Rennwagen ausgeschrieben, bei dem nicht weniger als 100 Fahrer genannt waren. Weitere Hersteller drängten auf den Volksformel-Markt, manch einer baute sich seinen Renner strikt regelkonform auch einfach selbst.
Der erste Formel Super Vau. Bild: www.formel-vau.eu
Bis 1970 hatte man die anämischen 35 PS allmählich durch leistungsstärkere Motoren mit bis zu 80 PS ersetzt, und 1971 trat die Formel Super Vau an, der Formel 3 ihre jungen Talente abspenstig zu machen. Eine Reglement-Änderung hob ab 1973 die Formel V 1300 mit ihren charakteristischen Zweivergaser-Anlagen aus der Taufe. Es war die Blütezeit von Kaimann, Motul, RSM und anderen Rennwagenbauern, das Vorbild Formel 1 sah man den Boliden immer deutlicher an. Übrigens: 1973 gab es rund 5000 VW-Monoposti weltweit. Das macht den Einstieg in den historischen Formel-Rennsport heute erschwinglich, wie in der November-Ausgabe von Oldtimer Markt zu lesen ist. Ein rennfertiger Einvergaser-Vau kostet demnach nur rund 10.000 Euro. Fast wie damals!

Das Powerslide-Sonderheft zur Formel Vau ist nicht im Handel, sondern nur über den Online-Shop des Magazins zum Preis von 4,80 € erhältlich.

Freitag, 4. November 2011

Autobücher im Netz (2): Von Flugzeugen und Hoopties

Jay Leno's Book Club ist eine wahre Fundgrube für Bücher, die hierzulande niemals einen Weg in die Rezensionsspalten finden würden. "World's Fastest Four-Engine Piston-Powered Aircraft" ist nicht einfach nur ein atemberaubend langer Titel, sondern noch dazu ein Buch über ein...Flugzeug. Tatsächlich. Aber: George Hildebrand, der Designer hinter dem Projekt "Republic XR-12" entwarf Autos, bevor er in die Luft ging – und entwarf Autos, als die XR-12 erfolglos wieder gelandet war, nachdem sie nie so recht abgehoben hatte. Jays Unterhaltung mit dem Autor des Buches – der kein geringerer ist als Hildebrands Neffe – scheint ein hochinteressanter Blick über den Tellerrand zu sein!



Bild: hooptie.de
Über den Niedergang der Stadt Detroit ist viel geschrieben worden. Von Wirtschaftskrisen gebeutelt, wird die Autostadt zur Geisterstadt – ein morbider Charme, den vor allem diejenigen anziehend finden, die nicht in ihr leben. Drei Grafik-Designer aus Deutschland unternahmen etwas ganz besonderes: Mehrere Monate gingen sie in Detroit auf die Suche nach besonderen Schriften. Dabei entdeckten sie allerhand, zum Beispiel die Allgegenwart der "Hoopties": Abgewrackte Verbrauchtwagen, poetisch definiert als Any car that I can afford since my second divorce. Aber auch die Geschichten und Persönlichkeiten, die die Motor City groß gemacht haben, spielten für die Designer plötzlich eine Rolle. So entwickelten sie nicht nur eine Schrift namens "Hooptie Script", sondern gestalteten auch noch das "Motor City Book". Das konnte leider bis dato mangels Verlag noch nicht erscheinen – doch immerhin ist es bereits virtuell zugänglich.
Hier kann das Buch durchgeblättert werden!


Alle Bilder: VeloceToday
Der dokumentarische Kinofilm "Senna" kam wohl nicht bei jedem gut an: Brandes Elitch von VeloceToday jedenfalls schreibt in seinem Artikel "Senna, Manso and a Dog", er habe nach dem Kinobesuch nicht mehr über den Rennfahrer Ayrton Senna gewusst als vorher – zudem sei nichts zu den spezifischen Charakteristika der Autos und Strecken erklärt worden, auf denen Senna fuhr. Doch der Rezensent empfiehlt in seinem amüsanten und lesenswerten Artikel gleich zwei (natürlich englischsprachige) Buchtitel. Warum? Ganz einfach: The difference between the book and the movie is the difference between being a fly on the wall in a psychiatrist’s office and watching a newsreel. 
"Vrooom!! – Conversations with the Grand Prix Champions" von Peter Manso enthält ungewöhnliche Interviews mit den Rennsport-Größen von einst. Manso nahm sich Zeit, lebte mit ihnen den Rennzirkus, wurde zum Freund, und durfte deshalb auch ungewöhnliche Fragen stellen. 
Und dann wäre da noch der Roman "The Art of Racing in the Rain" von Garth Stein, der aus der Sicht eines Hundes eine Familiengeschichte erzählt und rein zufällig mit einem Senna-Zitat beginnt: “With your mind power, your determination, your instinct, and experience as well, you can fly very high.”.

Freitag, 21. Oktober 2011

Neues vom Küchentisch: Auto

Bild: Hermann Schmidt Verlag
Ein wenig Faden, ein paar Knöpfe, Draht, oder was sonst noch so auf dem Küchentisch herumliegt: mehr braucht es nicht, um ein Auto zu gestalten. Richtig mit Rädern und Karosserie und so. Jaja, zugegeben – Stift und Papier wären auch eine Lösung. Die wäre aber nicht halb so witzig, denn der Designer Sebastian Cremers wollte wohl in erster Linie seinem dreijährigen Sohn eine Freude machen. So kann dann auch mal ein Wattestäbchen als Raketenreiniger auf Rädern vorbeirasen, mit einem Schweif, so lässig wie eine Elvis-Tolle beim Föhnen.
Oder wie wäre es mit dem wohl rudimentärsten John Deere- Traktor ever? Eine Kombination aus Blechdose, Holz-Irgendwas und sonstigem Zeug schafft, dass es kein Lanz wird. Trotzdem hat das der Betrachter zuallererst dem Assoziationsvermögen seines Hirns zu verdanken. Sie erinnern sich: das ist dieses weiche Ding im Oberstübchen, das gerade den berufsmäßig Kreativen zu Kopfschmerzen und wilden Einfällen verhilft. 
Cremers‘ kreative Kreationen jedenfalls beweisen, dass es nicht viel braucht, damit der Mensch „Auto“ denkt. Fast schon eine visuelle Tautologie: Der Alltagsgegenstand wird aus Alltagsgegenständchen immer neu erfunden. Der Betrachter grinst, und ertappt sich sogleich beim Rätseln über die Provenienz der Einzelteile.
Eine „Fahrschule des Sehens“ nennt es der Verlag Hermann Schmidt aus Mainz, hat dabei aber auch an die Haptik gedacht: nicht nur der Einband weist einen satinierten Folienüberzug auf, auch die Seiten sind auf diese Weise veredelt. Das sorgt für ein besonderes Gesamterlebnis und das Fazit: „Auto“ ist eine simple, aber grandiose Idee, und dazu noch ganz famos umgesetzt. Dank Oberstübchen!
Sebastian Cremers: Auto. Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2011. 64 Seiten, 30 farbige, mit Achilles soft touch folienveredelte Abbildungen. 17,5 x 12,2 cm. Fadenheftung, Festeinband, ISBN: 978-3-87439-823-7. Preis: 15 Euro.

Samstag, 15. Oktober 2011

Der ADAC Motorwelt Autobuch-Preis 2011

Die Frankfurter Buchmesse bot dieses Jahr eine Premiere für Auto-Enthusiasten: Die Vergabe des ADAC Motorwelt Autobuch-Preises an die Autoren und Verlage der besten Autobücher. Als wohl einziger Preis seiner Art in Deutschland ersetzt er nunmehr den MPC-Autobuchpreis des Motor-Presse-Club.

Thomas Burkhardt vom ADAC betonte in seiner Rede den Zweck des Preises: er solle das Autobuch fördern, da dieses es schwer habe, mehr als nur eine Nische zu finden. Die fünfköpfige Jury habe ihre Entscheidung dahingehend „mit Kompetenz und Emotion getroffen“.
Initiator und Jurymitglied Jürgen Lewandowski überreichte den Preisträgern die Auszeichnungen in fünf Kategorien, die unten stehende Liste spricht für sich. Dennoch seien einige Titel hervorgehoben:

In der Kategorie „Design“ landete das Buch „Waft 2“ auf dem zweiten Platz – Kenner erinnern sich noch an den ersten Band, der mit individuellen Ölflecken auf dem Deckel daherkam. Waft ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Buch nur aus Leidenschaft für die Sache, und nicht aus wirtschaftlichem Kalkül entstehen kann. Die Autoren Bart Lenaerts und Lies de Mol, zwei Belgier „mit dem Mut zu völlig ausgefallenen Sachen“, besprühten jeden einzelnen Buchdeckel der auf 1000 Exemplare limitierten Auflage einzeln mit dem Lack eines besonderen Fahrzeugs. 

Das erstplatzierte Buch der Kategorie Design hatte es schon schwer, überhaupt zu erscheinen: Grafikdesigner Sven Voelker war aufgefallen, dass niemand darüber sprach, wer eigentlich die berühmten Rennwagen der 70er Jahre gestaltet hat. Zur Lösung des Problems fotografierte er die Spielzeugautos seiner Jugend in zwei unterschiedlichen „Verkleidungen“: erst original und farbig, dann in einer Livrée aus weißer Kreidestaub-Farbe. „Jeder Modellauto-Sammler wäre empört über das, was ich mit den Autos angestellt habe!“, scherzt er, doch das Buch „Go Faster“ entschädigt für vieles. Es ist eine wohltuende Abweichung von der Konvention, an der Schnittstelle zwischen Automobil-Thematik und Grafikdesign. 

Den ersten Preis in der Kategorie „Motorsport“ räumte ein Buch ab, über dessen Titel die Macher angeblich lange grübeln mussten. Darf man denn „Geile Zeit“ als Titel für ein Buch wählen? Preisverteiler Lewandowski war sich sicher: „Man darf! Jeder, der sich an die Deutsche Rennsport-Meisterschaft erinnert, wird so empfinden und seine Freude an dem Buch haben.“

In der Kategorie „Sonderpreis“ wurden Bücher ausgezeichnet, die sonst in keine Kategorie hineinpassen wollten, aber trotzdem eine Auszeichnung verdient hatten. So zeigt das Buch „Wem der Himmel offen steht“, warum Cabriofahren etwas besonderes bedeutet. Und Kai-Uwe Merz hat mit „Der AGA-Wagen – eine Geschichte aus Berlin“ ein Stück deutscher Automobilgeschichte vor dem Vergessen gerettet.

Abseits jeder Kategorisierung sind es vor allem diese letztgenannten Bücher, die als wahre Helden aus der Preisverleihung hervorgegangen sind. Bleibt zu hoffen, dass sich der Autobuch-Preis für die Zukunft einen Rahmen sucht, der über das Zusammentreffen von Jury und Preisträgern hinausgeht. Vor einer breiteren Öffentlichkeit wäre es schließlich wohl noch leichter, das Autobuch aus seiner Nische heraustreten zu lassen!
Weitere Informationen im ADAC Blog zu automobiler Literatur


Die Preisträger:


Marke:

1) The Porsche Book
Frank M. Orel

2) Jeep – Das Original – Seit 70 Jahren
Jürgen Zölter und Markus Bolsinger

3) Trabant – Legende auf Rädern
Frank Rönicke









Design:

1) Go Faster – The Graphic Design of Racing Cars
Sven Voelker
2) WAFT 2
Bart Lenaerts und Lies de Mol
http://www.waft.be
3) Lamborghini – Leidenschaft im Zeichen des Stiers
Decio Giulio Riccardo Carugati








Biographie:


1) Doppelsieg Paul Pietsch – Der Rennfahrer und Verleger
Mike Riedner
2) Rennsportlegende Gerhard Mitter
Siegfried C. Strasser
Schneider Media








Motorsport:

1) Einfach eine Geile Zeit – Deutsche Rennsport-Meisterschaft 1972-1985
Gustav Büsing & Uwe Mahla
2) The Golden Age of Formula 1
Rainer W. Schlegelmilch
3) Porsche 917 x 17
Jeffrey R. Zwart








Sonderpreis: 

1) Wem der Himmel offen steht
Franz Josef Kortüm (Hrsg.)

2) AUTO – Das große Sammelsurium
Thomas Pospiech
3) Der AGA-Wagen ñ Eine Automobil-Geschichte aus Berlin
Dr. Kai-Uwe Merz
4) Traumgaragen Deutschland 1.0 – gelebte Träume privater Sammler
Fritz Schmidt jr.
5) Volltanken, bitte! 100 Jahre Tankstelle
Christof Vieweg
6) Prinzenpark – Die ersten Auto- und Motorradrennen der Nachkriegszeit
Edmund Schimpf

Dienstag, 13. September 2011

Fissore im Zweitakt: DKW in Brasilien

Bild: Editora Alaúde

Leser der Ausgabe 6/2011 von „Auto Bild Klassik“ sind bereits bestens informiert: Bei der VEMAG in Brasilien baute man einst den 3=6 in Lizenz und brachte ab 1965 ein schmuckes, italienisches Coupé auf den Markt, gestylt von Fissore, und mit ebendiesem Namen bedacht – Grund genug, ein Buch aus Brasilien einfliegen zu lassen...


DKW in Brasilien – das ist eine Zweitakt-Parallelwelt mit einigen Überraschungen. Sogar der Munga schaffte es zum Liebling der Brasilianer, wurde als „Candango“ knapp 5.600-mal gebaut. Ganz zu schweigen vom GFK-Sportcoupé DKW Malzoni, dem (außerordentlich hübschen) Vorläufer des späteren Puma. Nachdem Audi Tradition im letzten Jahr ein Exemplar über das große Wasser geholt hatte, ist seine Geschichte auch in Deutschland keine Unbekannte mehr. Die des südamerikanisch-deutschen "Organspenders" hingegen schon.

Bild: Best Cars Web Site
Als DKW 1965 von der deutschen Bildfläche verschwand und Audi wieder aufhorchte, war der Dreizylinder in Brasilien noch nicht verstummt. Die europäische Modellpflege hatte an der Copa Cabana nie Gültigkeit besessen, denn der größte Teil des Autos war per Gesetz im eigenen Land zu produzieren – die Grundlage der brasilianischen Automobilwirtschaft. So kam der „Belcar“ genannte 3=6 irgendwann mit einer schrulligen Doppelscheinwerfer-Front und eckigen Rückleuchten daher, die sich nur unvollkommen in die rundliche Linie einfügten. Der Viertürer besaß im Unterschied zum deutschen Selbstmörder-Pendant überdies vorn angeschlagene Türen. Eine Panoramascheibe mit Fieberthermometer wie beim hiesigen 1000 S gab es dafür in Brasilien nie, denn Daimler-Benz hatte bei DKW-Vemag nichts zu melden. So mancher deutsche Fan träumt heute vom Fissore, doch nur ca. 2.600 Stück wurden zwischen 1964 und 1967 gebaut. Irgendwie ist es aber nicht schlimm, dass er es nicht nach Europa schaffte.

Bild: Best Cars Web Site
Denn so lohnt es sich um so mehr, im fernen Brasilien ein Buch zu bestellen: „DKW – A grande história da pequena maravilha“ von Paulo César Sandler beschreibt nicht nur die Geschichte der DKW Brasiliens, sondern setzt diese auch in einen internationalen Kontext. Gut 1/3 des Inhalts entfällt zunächst auf die deutsche DKW-Geschichte samt ihrer Derivate (auch Trabant und Wartburg bleiben nicht unerwähnt) und die gesamte Vorkriegsgeschichte der Auto Union wird ebenfalls angerissen. Leider unterlaufen dem Autor in diesem Teil viele Fehler, die wahrscheinlich auf die portugiesisch-deutsche Sprachbarriere zurückzuführen sind, unter der natürlich auch der deutsche Durchschnittsleser zu leiden hat.



Dem Vergnügen beim Blättern tut das natürlich keinen Abbruch: da ist DKW-VEMAG-Werbung, die irgendwie an die Werbesprache von VW erinnert. Da sind Einblicke in die Produktion des Fissore, der – wie alle anderen Typen auch – mit vielen Detailfotos porträtiert wird. Auch Prototypen sind vertreten, etwa der MB Moldex, der wie eine Mischung aus Opel Kadett A Frua und Pagoden-SL wirkt, und nichts mit Mercedes-Benz zu tun hat. Und wie es sich für eine anständige Marken-Monographie gehört, bildet das Motorsportliche den Abschluss. Ein umfangreicher Anhang informiert über die geographischen Gegebenheiten in Europa vor und nach 1945, sowie die Marktsituation in Brasilien bei Einführung der Marke 1956. Für deutsche Leser besonders praktisch: Die Produktionszahlen werden mit denen der Konkurrenz verglichen. Tabellen mit technischen Daten fehlen aber leider völlig, und das ist ebenso schade wie unverzeihlich.

Bild: Best Cars Web Site
Sandlers Buch ist für DKW-Anhänger in Brasilien sicherlich ein unverzichtbares Nachschlagewerk; für hiesige Fans ist es vor allem eine wahre Fundgrube an schönen Entdeckungen. Es zeigt, wie sich ein für die deutsche Automobilgeschichte emblematisches Produkt auf einem fremden Kontinent weiterentwickelte und dort zum eigenständigen Kulturgut reifte. 

Das Buch kann über die Homepage des Verlags bestellt und per Kreditkarte bezahlt werden. Bei technischen Problemen wird dem Kunden sofort geholfen, man spricht Englisch. Kurzum: Mit knapp 45 € incl. Fracht und Einfuhrzoll in jedem Fall eine lohnende Investition – trotz aller Sprachbarrieren!


Paulo C. Sandler: DKW - A grande história da pequena maravilha. 384 Seiten, Format 20,5 x 27,5 cm, Paperback. São Paulo: Alaúde 2006. ISBN: 978-85-7881-037-5. Preis ab Verlag 98,00 R$

Bild: Portal Sao Francisco