Mittwoch, 17. Oktober 2012

Faul, aber herzlich: Der ADAC Motorwelt Autobuch-Preis 2012


Es gehört Mut dazu, wenn man zur Jury eines Buchpreises gehört und sich selbst zum Preisträger machen lässt. OK, ganz so einfach liegen die Dinge beim diesjährigen ADAC Motorwelt Autobuch-Preis vielleicht nicht. Doch der Duft nach faulem Wettbewerb liegt trotzdem in der Luft...

Der ADAC Motorwelt Autobuch-Preis wurde 2012 zum zweiten Mal verliehen. Auf der Frankfurter Buchmesse. Nicht auf einer großen Automesse. „Weil‘s da keinen interessiert“, wie Initiator, Jurymitglied, Laudator, Autor und Preisträger Jürgen Lewandowski auf Nachfrage wissen ließ. Sein Buch „Die Sportwagen von Toyota – Vom Sports 800 bis zum GT 86“ holte in
der Kategorie „Design“ den zweiten Preis.
 
Thomas Burkhardt, Christian Grundmann, Clauspeter Becker, Axel Struwe, Jürgen Lewandowski und "Der erste Brezelkäfer" – 1. Preis in der Kategorie Marke/Typen
Die Urkunde dafür ließ sich Lewandowski vom ADAC-Vizepräsident für Technik, Thomas Burkhardt, überreichen. Lewandowski sei ein Verfasser von „hervorragenden Büchern“, lobte dieser, „und ihn hier nur deswegen auszuschließen, weil er in der Jury sitzt oder weil er das ganze mit eingeleitet hat, wäre aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt.“
Noch bizarrer erscheint, dass Platz 1 der Kategorie gleich an zwei Titel vergeben wurde: Zum einen an „Stromlinie“ von Malte Jürgens und Michael Michel Zumbrunn, und dann noch an „The Mercedes-Benz 300 SL Book“ von René Staud, für das Lewandowski kurze Texte verfasst hatte.
Das letztgenannte Buch polarisiert: Wer auf bonbonfarbene Studio-Ästhetik im Schulterpolster-Stil der 80er Jahre steht, wird es lieben. Wer die Sache nüchtern betrachtet, findet einen 98 Euro teuren Großformat-Bildband vor, der weder typografisch, noch in Sachen Druckqualität über Grabbeltisch-Niveau hinauskommt.
Tom van Endert vom Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat konnte sich über gleich zwei Preise freuen
Und das, obwohl die Kategorie Design zwei Seiten habe, wie Laudator Lewandowski erläuterte: „Einmal Bücher über Autodesign. Und dann geht es auch darum – da hat Herr Professor Hufnagl ganz starken Einfluss drauf (Mitglied der Jury und Sammlungsdirektor Design der Pinakothek der Moderne in München, d. Verf.) – wie Bücher gestaltet sind: Typografie, Optik, Erscheinungsbild, usw.“ Nunja...
Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten. So konnte sich der Münsteraner Verlag Monsenstein & Vannerdat (nicht Vanderratt, liebe Laudatoren) über gleich zwei Preise freuen: „Motorrad-Straßen-Rennsport in Deutschland 1946–1950“ in der Kategorie Motorsport/Rennsport, sowie „Auto-Mobilität: Wie der Mensch das Laufen verlernte – 500.000 v.Chr. Bis heute“. Beides gigantische, mutige Projekte, für die Verlag und Autoren größtes Lob verdienen.
Bart Lenaerts und Lies de Mol nahmen nach "Waft 2" (2011) auch in diesem Jahr einen Preis mit nach Hause
Genauso verdient ist auch der Sonderpreis für die Faksimile-Ausgabe der „Einteilung der Rotations-Kolbenmaschinen“ von Felix Wankel, die der kleine Pagma-Verlag um den Künstler Klaus-Dieter Eichler in faszinierender Authentizität umgesetzt hat. Und dann wäre da noch das Buch „Ever since I was a young boy I‘ve been drawing cars – Die besten Autodesigner der Welt und wie sie wurden was sie sind“ mit dem Bart Lenaerts und Lies de Mol nach „Waft 2“ auch in diesem Jahr einen Preis abstauben konnten – allerdings in der Kategorie „Biographie“.
Sonderpreise für Titel wie „Deutschland schafft das Auto ab“ und „Krötenmord“ (s.u.) unterstreichen nichtsdestoweniger die Bereitschaft der Jury, nicht nur dem Mainstream zu huldigen. Über 50 Einsendungen habe es dieses Jahr gegeben, ließ Lewandowski kurz vor Schluss noch wissen, darunter auch Projekte wie das des Archivars der Stadt Saarbrücken, der ein Buch über 125 Jahre Mobilität in der Stadt Saarbrücken herausgebracht hat. Und an dieser Stelle sei ein Vorschlag zur Güte erlaubt: Wieso keine Long- und Shortlist anstreben, wie beim Deutschen Buchpreis? Verlagen und Buchhandel tut dieses Verfahren erwiesenermaßen gut, weil es die Titel öfter in die Medien und in den Sinn der Käufer bringt. Und darum geht‘s doch schließlich.

Hier noch ein paar Zitate zum Selbstauswerten, entnommen aus der Eröffnungsrede von ADAC Motorwelt-Chefredakteur Michael Ramstetter:

...wollen wir Ihnen in der Folge einige ganz herausragende, unterhaltsame, aber auch durchaus informative und aktuelle Autobücher vorstellen“

Treibendes und organisierendes und sehr dominantes Jurymitgleid war natürlich mein Freund Jürgen Lewandowski, den wir auch in der ADAC Motorwelt und auch bei den ganzen Publikationen, die im ADAC Verlag erscheinen, als Berater und Ideengeber sehr schätzen.“

„Alle 19 Preisträger, Autoren und Verleger erhalten jetzt gleich ihre Preise in Form einer Urkunde. Ein Preisgeld […] gibt es leider bei diesem Preis nicht. Das ist ein rein ideeller Preis, der aber durchaus materielle Vorzüge hat. Denn ich verrate Ihnen jetzt schon, dass wir in unserer Dezember-Ausgabe der Motorwelt und verschiedenen digitalen Kanälen für die Preisträger Rezensionen abdrucken, sodass sie im Weihnachtsgeschäft durchaus damit rechnen können – bei den hohen Auflagen, die der ADAC mit seinen Publikationen erzielt – dass sie das ein oder andere Buch an Menschen verkaufen können, die bisher von den Büchern nichts wussten. Sie kriegen von uns also eine mehr oder weniger durchaus wertvolle Marketing-Leistung geboten. Der wahre Wert des ADAC Autobuch-Preises liegt also in den Veröffentlichungen, die wir dafür vornehmen.“

Jürgen Lewandowski mit den Preisträgern 2012

Die Preisträger 2012
Die kursiven Zitate sind – sofern nicht anders vermerkt – den Laudationen von Jürgen Lewandowski entnommen.

Marke/Typen

1. Clauspeter Becker/Axel Struwe/Christian Grundmann: Der erste Brezelkäfer – Wiederauferstehung eines Prototypen von 1938. Delius Klasing, 29,90 €.
Die Jury war von dem Buch deswegen begeistert, weil es ja heutzutage eigentlich mehr als unwahrscheinlich ist, dass jemand in Litauen einen auf Neu gequälten Käfer sieht, und erkennt, dass sich darunter ein Prototyp von 1938 befindet. Der dieses Auto aus Litauen zurückholt und […] in einer liebevollen Restaurierung wieder in den Originalzustand versetzt. Und es war einfach auch eine glückliche Idee, hervorragende Autoren und Fotografen die Restaurierung dieses Wagens, dieses Stücks deutscher Automobilgeschichte, verfolgen zu lassen.“
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2. Joe Sackey: Lamborghini Miura – Die Geschichte eines Traumsportwagens. Heel, 69,95 €.
Zum Miura muss man nichts sagen. […] Dieses Auto ist fast 50 Jahre alt und ist bis heute eine der ganz großen Ikonen. Joe Sacky, der selber der glückliche Besitzer von mehreren Miuras ist, hat die Geschichte dieses Wagens fantastisch geschrieben, mit fantastischen Fotos.“

3. Ulf Kaack: Borgward – Das Kompendium. GeraMond Verlag, 29,95 €.
Die gesamte Jury war überzeugt von diesem Buch, weil‘s einfach die Geschichte einer leider nahezu vergessenen Marke in den Vordergrund rückt.“


Design

1. René Staud/Jürgen Lewandowski: The Mercedes-Benz 300SL Book. TeNeues Verlag, 98,00 €. „René Staud hat sich schon mit vielen seiner Bilder einen ganz großen Namen gemacht. Er setzt die Fahrzeuge so in Szene, dass sie plastisch vor einem stehen, und dass man sie wirklich glaubt, greifen zu können.“ (Thomas Burkhardt)

1. Malte Jürgens/Michel Zumbrunn: Stromlinie. Motorbuch Verlag, 298,00 €.
Das Buch ist wirklich außergewöhnlich. Es beruht auf einer Ausstellung in Hamburg und was daraus gemacht wurde ist erstaunlich. Alle Leute, die sich dafür interessieren, sollten es sich ins Regal stellen, und sie sollten es rasch tun, denn es gibt nur 1000 Stück. Die gute Nachricht: Sie haben was Rares. Die schlechte: Es kostet 300 Euro.“
Zur Website mit Leseprobe

2. Jürgen Lewandowski: Die Sportwagen von Toyota – Vom Sports 800 bis zum GT 86. Delius Klasing, 39,90 €.
Auch die japanischen Fahrzeuge verschwinden noch im Dunkel der Geschichte. [Besonders in den Anfängen] wurde ganz bemerkenswertes geschaffen. Dieses Buch ist ein Buch, das in erster Linie das Design zeigt. Das nicht so sehr die detaillierte Geschichte aufzeigen, sondern Begeisterung für die Anmut dieser Fahrzeuge wecken will, und das ist sehr gut gelungen.“ (Thomas Burkhardt)

3. Paolo Tumminelli: Car Design America – Myths Brands, People. TeNeues Verlag, 49,90 €. „Wenn man die hunderten von Fotos sieht und erkennt, was die Amerikaner alles gemacht haben, ist das sehr beeindruckend und ein wirklich schönes Buch über die Geschichte des amerikanischen Autodesigns.“




Biographie
1. Bart Lenaerts/Lies de Mol: Ever since I was a young boy I‘ve been drawing cars – Die besten Autodesigner der Welt und wie sie wurden, was sie sind. Delius Klasing, 59,90 €.
Das Buch ist völlig alleine bei den Autoren entstanden, und die beiden sind einfach großartig.“
Zur Leseprobe
2. Elmar Brümmer/Ferdi Kräling: Sebastian Vettel – Das Leben eines Formel 1-Idols. Delius Klasing, 29,90 €.
„Die Jury ist der Meinung, dass Herr Vettel trotz seiner Jugend und trotz der wenigen Jahre, die er im Geschäft ist, eine überragende Stellung hat. Die Biographie ist mit den Fotos und mit der Geschichte toll geworden.“


Motorsport/Rennsport
1. Pierre van Vliet: Jacky Ickx. Delius Klasing, 39,90 €.
„Man muss sich nur die Titelseite des Buches anschauen, dann weiß man, dass man hineinschauen möchte.“

2. Erich Kahnt/Michael Thier/ Ulrich Trispel/Robert Weber: Porsche Kremer – Eine Erfolgsstory 1962–2012. Petrolpics Verlag, 89,00 €.
„Eine unglaubliche Arbeit. Kremer war über Jahrzehnte eine der ganz großen Firmen im deutschen Motorsport, und dieses Buch erzählt wirklich die „Erfolgsstory“.“

3. Reinald Schumann: Motorrad-Straßen-Rennsport in Deutschland 1946–1950: Deutscher Straßenrennsport nach der Stunde Null. Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, 79,00 €.
Der Titel klingt unendlich mühsam, es ist aber erneut eine dieser Fleißarbeiten, die ich gerne mit dem Adjektiv „wahnsinnig“ apostrophiere. Der Verlag Monsenstein & Vannerdat hat damit ein ganz wichtiges Stück deutscher Motorsport-Historie gerettet, denn in ein paar Jahren wird es die Leute nicht mehr geben, die diese Geschichten erzählen können.“
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Sonderpreise
Wolf Wegener: Deutschland schafft das Auto ab. Rosenheimer Verlagshaus, 16,95 €.
Es ist dringend notwendig, dass auch jemand, der überzeugt ist von bestimmten Dingen, fern jeder politischen Korrektheit die Stimme erhebt und bestimmte Punkte einfach anspricht. […] Es ist gelungen, einmal wieder ins Bewusstsein zu rufen, was das Auto, was Mobilität mit dem Auto eigentlich für uns darstellt und wie leichtfertig wir hier über manche Dinge hinweggehen, in dem Glauben, es sei politisch korrekt.“ (Thomas Burkhardt)

Ulrich Biene: Die Siku-Story – Lebendige Autoträume aus Kindertagen. Delius Klasing, 29,90 €.
Auch ein Buch das zeigt: Besessenheit ist nicht nur das Auto an sich, sondern drückt sich auch in allem drumherum aus.“ (Thomas Burkhardt)

Andreas K. Vetter: Haus & Auto. Callwey Verlag, 59,95 €.
Ein tolles, neues Thema, das in dieser Form noch nicht publiziert worden ist.“

Stephan Schwarz: Krötenmord. Capscovil Verlag, 15,95 €.
Ein Kriminalroman, der im Auto-Milieu spielt. Den Ansatz fanden auch die Kollegen einfach prima und meinten: Dafür sollte man einen Preis verleihen.“
http://www.capscovil.com/

Matthias Bartz: Dino Compendium 206gt 246gt 246gts. Verlag Matthias Bartz, 160,00 €.
Ein Thema, das in dieser Form noch nie bearbeitet wurde. Dieses Buch beschreibt alles, was es über den legendären Ferrari Dino gibt. Das Buch ist eine Fleißarbeit sondergleichen!“

Felix Wankel: Einteilung der Rotations-Kolbenmaschinen (Faksimile und Kommentarband). Pagma Verlag, 44,95 €.
Felix Wankel hat Jahrzehnte damit verbracht, sich alles auszudenken, was nur irgendwie ineinander greifen kann. Das Original dieses Buches war ganz schnell vergriffen. Der Pagma Verlag hat es wieder zugänglich gemacht und die Jury wollte sich einfach dafür bedanken, dass dieses Stück Geschichte gerettet wurde und nicht mehr mühsam in Antiquariaten gefunden werden muss.“

Roland Löwisch: Auto-Mobilität. Wie der Mensch das Laufen verlernte – 500.000 v.Chr. bis heute. Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, 149,00 €.
Roland Löwisch behauptet, er habe an seinem Buch 15 Jahre gearbeitet. Ich glaube, es waren 25. Denn die Fülle an Fakten, die der Autor da auf 400 Seiten zum Thema Automobilgeschichte kann man nicht in 15 oder oder 18 Jahren zusammentragen. Da braucht man wahrscheinlich sein Leben lang Zettelkästen. Es ist ein Wahnsinnswerk, in positivem Sinne.“
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